Törnbericht Kapverden, Teil 3
17/03/2018
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07/05/2018

Törnbericht Kanaren 2018

Die Kanaren sind ein tolles Segelrevier: frischer Passatwind, gemässigte Temperaturen und eine gute nautische Infrastruktur. Diese Inseln atmen die Luft der grossen Seefahrt. Vielen Boaties dienen sie als Winterstandort und den Blauwasserseglern als Sprungbrett für die Atlantiküberquerung. Ich mag diese Atmosphäre.

Mit Binter gut angekommen

Klar, die Anreise ist schon weiter als zu einer Mittelmeerdestination. Wir flogen um 9 Uhr in ZRH ab und waren mit kurzem Zwischenstopp in Barcelona um 15 Uhr (Ortszeit) in Las Palmas. Von dort brachte uns eine Binter-Turbopropmaschine nach Teneriffa Nord und ein Taxi für 25 Euro zur Base nach Radazul. Dort übernahmen wir um 17 Uhr die Yacht. Das freundliche Personal von Alboran chauffierte uns zum Nulltarif zu einem Supermarkt in der Nähe und holte uns nach einer Stunde mit den Einkäufen wieder ab. Danke, Alboran! Später traf der Rest der Crew ein und im guten Restaurant De Stefano im Hafen von Radazul wurde auf den bevorstehenden Törn angestossen.

Bitte alle einsteigen! Gleich heben wir ab.

Noch ein Wort zu Binter. Diese Inner-Kanarische Airline ist eine sympathische Einrichtung. Wir hatten ursprünglich eine Yacht in Las Palmas gechartert und auch die Flüge dorthin gekauft. Eine Woche vor dem Törn erfuhren wir jedoch, dass das gecharterte Boot Stagbruch erlitten hat und nicht einsatzbereit sei. Wir mussten umdisponieren, fanden keine zahlbare Alternative auf Gran Canaria und wichen darum auf ein Schiff auf Teneriffa aus. Wie kommt man aber schnell und günstig von Gran Canaria nach Teneriffa? – Mit Binter! Der 30-Minuten-Flug kostete 50 Euro pro Weg, etwa soviel wie die Fähre. Keine reservierten Plätze, einsteigen, angurten, los geht’s! Natürlich führt die Cabin-Crew das übliche Tänzchen mit der Schwimmweste vor, aber sonst fühlt es sich eher an wie Bus fahren. Und während dessen uns Iberia von Zürich nach Las Palmas Getränke und Imbiss nur gegen Bares serviert hat, so spendiert Binter von Las Palmas nach Teneriffa jedem Passagier immerhin ein Mineralwasser und einen Schokoriegel. Ein grosses Like für Binter!

Wind und Windbeschleunigung

Die Kanarischen Inseln bieten dem Segler meist konstanten Passatwind aus NE. Wir hatten im April 2018 Winde aus NE, N, und NW und konnten die Dreher ideal in unsere Route einbauen, so dass wir selten aufkreuzen mussten. Der erste Schlag war von Radazul 40 Meilen runter an die Südwestspitze von Teneriffa nach Las Galettas (Marina del Sur). Wind genau von hinten ist nicht unbedingt mein Lieblingskurs. Doch der Wind machte mit 6-7 Bft ordentlich Dampf und unsere Cyclade spulte nur mit einer gerefften Genua rasch die Meilen ab.

aktives Steuern in der Atlantikwelle

Wir erreichten die Marina rechtzeitig, um uns bei abendlicher Sonne an der Bar oben auf der Hafenmole einen Trunk und Tappas zu gönnen. Wunderbar!

Für den nächsten Tag hatten wir uns einen Schlag nach La Gomera vorgenommen, doch die Bedingungen waren mehr als sportlich. Die westlichen Inseln der Kanaren sind hoch. Der Teide auf Teneriffa ist mit 3718m auf der Nordseite gar Schnee bedeckt, aber auch Gran Canaria und La Gomera kommen auf rund 1500m Höhe. Der Wind wird zwischen diesen hohen Inseln wie in einen Trichter gepresst, verdichtet und somit um etwa 2 Bft beschleunigt. Die sog. „Acceleration-Zones“ sind gut bekannt und in den Revierführern beschrieben, man ist gewarnt. Diese Windbeschleunigungszonen verschieben sich natürlich je nach dem aus welcher Richtung der Wind genau weht. An unserem zweiten Tag war starker Nordwind prognostiziert. Dieser führt zu einer beachtlichen Beschleunigung an der Ostseite von La Gomera, sodass wir da mit einer 8-9 rechnen mussten, und da wollten wir eigentlich hin…

Normalerweise mache ich so etwas nicht. Wenn ich nicht muss, fahre ich nicht bei einer 8-9 raus, man kann auch bei weniger Wind toll segeln. An diesem Tag führte aber eine Verkettung verschiedener Umstände doch zur Entscheidung zum Schlag nach La Gomera. Schliesslich war es ein Ausbildungstörn, die Crew würde das schaffen und eine interessante Erfahrung machen. Der Kanal zwischen Teneriffa und La Gomera ist etwa 15 sm breit. Bis zur Hälfte waren wir im Windschatten von Teneriffa und hatten praktisch keinen Wind. Doch die zweite Hälfte hatte es in sich. Das Grosssegel im 3. Reff praktisch ganz offen, ein Hauch von einer Genua gesetzt und das Boot auf Halbwindkurs trotzdem in den Böen überpowert. Fliegendes Wasser. Nach anderthalb Stunden wurden vor San Sebastian die Segel geborgen, ab in den Hafen, festmachen, die klammen Finger vom Ruder lösen, entspannen.

Landgang auf La Gomera

Nach unserem wilden Ritt wollten wir La Gomera erkunden und fuhren mit einem Mietauto ins Landesinnere. Die gebirgige Insel bietet tolle Wanderwege, eine üppige Vegetation und ein funktionierendes Busnetz. Gut vorbereitet könnte man auch nur mit ÖV gut reisen. Unsere Ladies hatten eine kleine Wanderung zusammen gestellt, die wir sehr genossen und so die Insel besser kennen lernen konnten.

Blick auf die Marina in San Sebastian. Am Horizont der Teidegipfel.

La Gomera

Nachtschlag nach Las Palmas

Morgenstimmung auf dem Meer vor La Gomera

Von La Gomera aus wurde zuerst gegen den Nordwind aufgekreuzt und dann bogen wir um die nordwestliche Ecke von Teneriffa und segelten nach Garachico. Ein toller Hafen, dessen Einfahrt aber bei hoher Welle aus Nord wegen brechender Grundsee nicht zu machen ist. Wir hatten an diesem Tag wenig Welle und meisterten die Einfahrt mit zügigem Speed problemlos.

Am nächsten Tag standen 80sm von Garachicho (Teneriffa) nach Las Palmas (Gran Canaria) auf dem Programm, für die ich rund 16 Stunden rechnete. Die Ankunftszeit in Las Palmas war für die Planung wenig relevant, vielmehr wollte ich das Verkehrtrennungsgebiet zwischen Teneriffa und Gran Canaria wenn möglich bei Tageslicht machen. Ein Verkehrstrennungsgebiet zu queren ist es etwa so, wie über eine wenig befahrene Autobahn zu rennen. Da kommt lange nix, aber wenn dann einer kommt, dann kommt er schnell. Da ist es von Vorteil, wenn man nicht nur selber gut sieht, sondern v.a. auch gut gesehen wird. Am Tag zuvor war unser Radarreflektor plötzlich vom Mast neben dem Schiff ins Meer geplumpst (vermutlich hatten die Kabelbinder doch schon einiges an Wind und UV-Strahlen abbekommen). Und wenn dann ein rostiger Frachter unter Panama-Flagge, den man vor 30 Jahre eigentlich verschrotten wollte, mit 20kn anrauscht, dann bin ich mir nie ganz sicher, ob die besoffene russische Crew auf der Brücke unsere kleine Nussschale sieht. Zudem heizen zwischen den Inseln die Fähren hin und her und vor diesen schnellen Ungeheuern habe ich nachts grossen Respekt.

Hochgeschwindigkeitsfähre

Ausgeschlafen, Essen vorgekocht und guten Mutes zogen wir also von Garachico der N-Küste Teneriffas entlang, genossen die Sicht auf den schneebedeckten Teide.  Schliesslich bogen wir um das Nordkap Teneriffas (Roques de Anaga) und nahmen Kurs auf Gran Canaria.

Schneebedeckter Teidegipfel, 3718m hoch

Nachtessen auf See, vorgekochte Nudeln lassen sich gut auch kalt essen

Den ersten Teil des TSS (Trafic Separation Scheme) durchquerten wir in der Abendsonne und den zweiten bei einsetzender Dunkelheit. Natürlich gilt es auch in den Uferzonen auf der Hut zu sein, aber bist du bei der Autobahn mal hinter der Leitplanke, dann kehrt Ruhe ein.

Vor uns war das Lf Faro de La Isleta im Norden von Gran Canaria ein klarer Leitpunkt, zudem sah man auf Steuerbord beleuchtet die ganze Uferlinie. Und dann, wie aus dem nichts, kam eine Front. Da wir auf räumlichem Kurs segelten, kam sie von hinten und überraschte uns. Plötzlich auffrischender Wind mit Regenschauern und, wie wenn man den Schalter umgelegt hätte, erloschen alle Lichter an Land. Die Jacht jagte mit Tempo durch die rabenschwarze Nacht. Das ist ein unheimliches Gefühl. Gut, dass Kompass und Kartenplotter auch bei Dunkelheit funktionieren. Der Autopilot steuerte das Schiff auf dem richtigen Kurs und ich wusste, dass uns auf den nächsten 15sm nichts im Wege war. Also begab ich mich in die Kabine, schlüpfte ins Ölzeug und dann harrten wir im Cockpit bei Regen aus, angestrengt ins Dunkel spähend, ob nicht doch irgendwo ein Lichtlein zu orten sei. Nach einer halben Stunde war der Spuk vorbei und die Lichter am Ufer tauchten allmählich wieder auf.

Die Ankunft im grossen Hafen von Las Palmas war nachts um 0300 spektakulär. Wir suchten uns den Weg durch die grossen Schiffe vor Anker und versuchten im Lichtermeer die Hafeneinfahrt zu finden. Im äusseren Hafenbecken wurde unsere Jacht fürs Anlegemanöver vorbereitet. Dann rein in die Marina auf den Liegeplatz, den uns die Chartergesellschaft vorgängig mitgeteilt hatte. Jetzt nur noch schlafen…

Der kitschig schöne Süden von Gran Canaria

Die touristischen Gebiete konzentrieren sich auf Gran Canaria auf den Süden der Insel. Die Gegend um Maspalomas/ Playa del Ingles mit den grossen Sanddünen und den riesigen Hotelanlagen fassen Unmengen von Touristen. Wer All-Inclusive-Ferien auf Gran Canaria bucht, wird sich hier wieder finden. Da kann man (typisch spanisch!) Pizza essen dazu ein Heineken kippen oder lokale Produkte kaufen wie z.B. RayBan-Brillen oder Gucci-Taschen . „Hello, my friend, are you from Germany? – Ah Switzerland! Kukikaschtli (big smile)!! We have typical Spanish food in our restaurant…“ Ist gar nicht meins – aber es hat schöne Marinas. Nach 2 Tagen in Las Palmas und einem Crew-Wechsel ging es auf räumlichem Kurs zur Südspitze von Gran Canaria, vorbei am imposanten Leuchtturm von Maspalomas und rein in den ruhigen Hafen Pasito Blanco.

Leuchtturm von Maspalomas

Pasito Blanco: ankern oder Marina? Beides wunderschön. Wir haben uns diesmal für die Marina entschieden.

Tolle Marina, saubere Anlagen, hiflreiche Angestellte. Hat mir fast besser gefallen, als das Nachtessen im Touri-Zentrum von Maspalomas. Am nächsten Tag folgte Segeltraining an der Südspitze von Gran Canaria bei dem wir u.a. einige grosse Plastikstücke aus dem Meer fischten. Meines Erachtens gehört es für uns Segler dazu, dass man als Nutzniesser des Meeres auch aktiv dazu Sorge trägt.

Am Abend steuerten wir die Marina von Mogan an, die ich schon lange mal kennen lernen wollte. Wer, wie ich, schon Maspalomas als touristisch empfindet, bei dem geht die Skala in Mogan durch die Decke. Mogan hat mich an den Europa-Park erinnert: „Landschaft Gran-Canaria“. Alles rausgeputzt, herzig, Restaurant an Restaurant, Laden an Laden, auf einem Platz eine Bühne um Shows aufzuführen und mitten drin eine schnugglige Marina, wo du mit deinem Schifflein direkt vor dem Restaurant festmachst. Ja, ist tolle gemacht und mit meinen Enkelkindern, werde ich da mal ein Eis essen, aber der normale Rest der Kanaren gefällt mir besser.

Anlegen direkt vor dem Restaurant.

Mogan: kitschig schön

Neben uns legte spät am Abend eine polnische Chartercrew an. Sie kamen von Teneriffa rüber und hatten in der Acceleration Zone ordentlich viel Wind abbekommen. Die Jungs räumten noch das Schiff auf, während dem die Frauen sogleich auf die mogan’sche Europa-Park-Hafenmole kletterten und sich kreidebleich auf ein dunkelgrünes Bänklein setzten. Sie hatten keine Medis gegen Seekrankheit dabei und ich spendierte ihnen für die nächsten Tage eine Packung Stugeron. Sie bestanden auf eine Gegenleistung in Naturalien, die wir in Form von Bier akzeptierten.

Santa Cruz: So soll es sein, so soll es bleiben

Am nächsten Tag stand für uns die Überfahrt nach Teneriffa an. Die kreidebleichen Polenfrauen vor Augen machten wir uns auf viel Wind gefasst. Windy.com zeigte eine 6-7 an, so setzten wir mal vorsichtshalber im Windschatten von Gran Canaria das 2. Reff und tuckerten ins Abenteuer. Es wurde einer der schönsten Segeltage des Törns. Wir heizten mit 8-9kn Speed auf Amwind- und später auf Halbwindkurs in den Norden von Teneriffa, herrlich!

schnelles Segeln auf Halbwindkurs bei anfänglich 7 später dann 6 Bft

Wir verbrachten eine Nacht in La Galera bevor wir nach Santa Cruz gelangten, der Hauptstadt von Teneriffa. Auch hier ein grosser Industriehafen mit einer zusätzlich geschützten Marina im inneren Hafenteil. Über eine neue Fussgängerbrücke gelangt man in wenigen Minuten ins schöne Stadtzentrum. Viele Bäume, viel grün.

vertikale Blumenwiese in Santa Cruz

Wir setzten uns zu zweit in einem Park in eine Wirtschaft und bestellten je ein Bier und der Kollege dann noch einen Espresso. Der Kellner wollte dafür gerade mal 3,20 Euro. Wir stutzten: Hat er jetzt nur den Espresso verrechnet und die zwei Bierchen vergessen? – Nein, Bier je 1,20 und der Espresso 80 Cents. Wir verstanden die Welt nicht mehr. WOW!!

In der Marina spazierte ein älteres Seglerpaar aus Österreich an unserem Boot vorbei und wir kamen ins Gespräch. Das schätze ich an der Segler-Community, man ist willkommen und findet sofort Anschluss, wenn man will. Wir tauschten uns über das Fischen mit der Schleppangel aus (bei dem sie wesentlich mehr Erfolg verbuchen konnten als ich) und über das Städtchen Santa Cruz. Sie empfahlen uns am Abend nach La Laguna, zum alten Stadtkern von Santa Cruz, zu fahren und dort gut und günstig zu essen. Also bestiegen wir das Tram von Santa Cruz und es ging eine halbe Stunde lang den Berg hoch. An der Endstation war es gefühlte 10 Grad kühler, da wir nun auf 550müM waren und zudem ein zügiger Nordwind blies. Doch der Ausflug lohnte sich. La Laguna ist ein tolles Städtchen, UNESCO Weltkulturerbe, besticht durch Architektur aus der Kollonialzeit und hat eine schöne Fussgängerzonen mit Läden und einer Vielzahl von tollen Bars und Restaurants. Eine freundliche Spanierin in Lederjacke drängte uns in eine Bar, wo wir es uns mit Tappas gut gehen liessen. War mir ein sympathischerer Empfang als wenn ein Kellner mit „Kukikastli“ zu beeindrucken versucht. Nach dem Essen spendierte die immer noch sehr freundliche und inzwischen deutlich angeschwipste Spanierin noch einen lokalen Shot. Viva Espanha!

Altstadt La Laguna (Bild aus www.hallokanarischeinseln.com)

Am letzten Tag hätten wir nur 6sm der Küste entlang nach Radazul segeln müssen, aber wir entschieden uns nochmals für einen Schlag raus bis zur TSS und dann einen Schlag zurück. Schliesslich waren wir ja zum Segeln hergekommen. Nach gut 4 Stunden waren wir vor Radazul als uns heftige Fallböen trafen. Keine Welle, aber Böen bis 35kn und beinahe wäre es noch schiefgelaufen. Vorsichtig fuhren wir in die Marina rein. Obschon wir vorgängig die Marina angefunkt und Hilfe angefordert hatten, war bei der Tankstelle niemand da. Der Wind von achtern war derart heftig, dass die Maschine im Rückwärtsgang mit 2000 Touren das Boot nicht aufstoppen konnte und wir in der Gasse tiefer und tiefer in die Marina getrieben wurden. Ist ein Scheissgefühl!… Nach 50m wurde der Wind zum Glück schwächer und das Schiff liess sich wieder steuern, zudem kam ein nervöser Marinero mit dem Dinghi angerauscht und begann am Bug zu schieben. So schafften wir es dann doch noch ohne Parkschaden zurück in die Box.

Am Abend beendeten wir den Törn wieder bei de Stefano in Radazul und kehrten mit viel Wind im Herzen und voller Eindrücke in die Schweiz zurück.