Meilentörn mit Atlantic Sailing – Erfahrungsbericht
17/02/2019
Havarie in Schottland
01/08/2019

Ausbildungstörn auf einem schnellen Trimaran

Im April 2019 fuhr hochamwind zwei Ausbildungstörns in Südfrankreich auf einem Neel 45 Trimaran. Hier ein Bericht über diese zwei Wochen mit Bildern von beiden Crews.

Der erste Eindruck zählt, der zweite auch

Der Dreirumpfer war mit 14m Länge und 8,5m Breite eine imposante Erscheinung und immer wieder haben in den Häfen Neugierige unsere Anlegemanöver beobachtet und das Schiff am Steg fotografiert. Der Wow-Effekt wurde bei der Ankunft in La Grande-Motte etwas durch den Umstand getrübt, dass unser 45-Fuss Boot direkt hinter seinem 65-Fuss grossem Bruder parkiert war und dadurch, von der anderen Seite betrachtet, bescheiden wirkte (s. Bild oben). Nun ja, grösser geht immer aber man soll mit dem zufrieden sein, was man – gechartert – hat. Und das waren wir und haben bis zum Törnende die Freude an der „Trident“ nicht verloren

Ferienwohnung auf dem Wasser

Beim Betreten des Hauptrumpfes hat man zuerst gar nicht den Eindruck auf einem Boot zu sein. Viel eher fühlt man sich in einer 3 1/2 Zimmer-Wohnung. Tatsächlich ist das Raumangebot enorm.

Der Aufbau überspannt die drei Rümpfe. Vom Mittelgang aus hat es zwei Doppelkabinen, jeweils eine auf Steuerbord und eine auf Backbord. Dort hat man vom Bett aus eine tolle Aussicht aufs Meer. Weiter zum Bug folgt im Mittelgang die Pantry, und vorne ein Salon und ein Innencockpit mit fantastischer 180°-Panoramasicht nach vorne. 6 Leute um den Salontisch und der Skipper im Sessel am Kartentisch, so fanden wir sieben Seefahrer in unserer Schiffmesse Platz. Erst in der Bugkabine ganz vorne unten im Hauptrumpf fühlt man sich wie auf einem Schiff.

Crew der ersten Woche in der guten Stube.

Zusätzlich waren bei unserem Modell zwei Kojen in einem der Aussenrümpfe untergebracht. Diese Schlafplätze waren über eine Luke von oben her zugänglich. Hier war der Innenausbau auf das Allernötigste beschränkt, dafür war man etwas für sich, was  manch einer beim Schlafen schätzt.

Blick im Seitenrumpf nach vorne, die andere Koje ist hinter der Kamera

Ganz toll ist auf der Neel 45 der „Keller“. Über eine Luke gelangt man im Hauptrumpf nach unten in einen Geräteraum mit Stehhöhe … und ich bin immerhin 1,90m gross. Hier hat es unendlich Stauraum. Hinten im Keller ist dann der Dieselmotor eingebaut, wo es dann wieder eng wird.

Das diebische Marseille und der liebliche Nationalpark der Calanques

Wir liegen im Vieux Port in Marseille direkt vor dem Rathaus.

In der ersten Woche segelten wir zuerst in 2 Tagen nach Marseille und machten im Vieux Port direkt vor dem Rathaus fest. Ich liebe die alten Häfen, da wohnt man meist für wenig Geld direkt im Stadtzentrum. Für Autos hat es hier keine Parkplätze, für Boote schon.

Allerdings hat die zentrale Lage auch ihre Schattenseiten. Als wir abends vom Libanesen zurück auf unser Schiff kehrten, stellte ich verdutzt fest, dass das Dinghi nicht mehr an den Davits hing. Bald wurde es gefunden, an einem Poller am Ufer festgemacht. Offenbar hat jemand den Schlüssel zum Tor am Pontoon vergessen und sich darum unser Dinghi geliehen, um damit ans Ufer zu kommen. Frech! Das wäre weiter nicht so schlimm, wenn diese Person nicht auch noch das Fernglas mitgenommen hätte, das wir in einer Seiltasche draussen deponiert hatten. Kriminell! Wenigstens war die Seiltasche noch dran.

Dayskipper Anca fährt uns aus dem Hafen von Marseille. Wir sind um einige Erfahrungen reicher und um ein Fernglas leichter.

In der ersten Woche bestand die Crew aus 3 ausbildungswilligen Meilensammlern/innen und 3 anpackungsfreudigen Ferienreisenden. Das liess sich gut kombinieren. Wir setzen an einem Tag mit unserem grossen Kahn im Hafen von Cassis zwei Wanderer ab (= Hafenmanöver auf sehr engem Raum) und holten sie in einer der schmalen Buchten wieder an Bord (= abenteuerliches Anlanden mit dem Dinghi). Die Ausbildungscrew bolzte inzwischen weitere Meilen.

Bucht D’en-Vau im Nationalpark Calanques südöstlich von Marseille

Nach dem Landausflug wird die Wandergruppe per Dinghi an Bord geholt.

Törnplanung mit Mistral

Bei der Törnvorbereitung habe ich mir den Kopf zerbrochen, was bei der recht häufigen Mistrallage wohl die beste Routenplanung sei. An die Cote d’Azur ausweichen? Mit dem Mistral im Rücken südwärts Richtung Spanien laufen? Oder gar nicht auslaufen und einen Landtag einlegen? Wir haben zwei Strategien ausprobiert, wovon sich die eine mehr bewährte, als die andere. Ab Mitte der ersten Woche war Mistral angekündigt mit 7 Bft aus NW. Unser Plan war es von Marseille kommend mit Halbwind quer über den Golf du Lion zu segeln. Leider kippte der Wind während unserer Überfahrt je länger desto mehr nach W. Wir segelten hart am Wind und mussten mehr und mehr nach Süden abfallen. Zudem stampfte der Trimaran derart gegen die Welle, dass man sich in der Kabine nur mit grösster Mühe festhalten konnte. In der Mitte des Golfes haben wir dann umdisponiert, haben nach Norden gewendet und mit Halbwind Port Camarque angelaufen.

Die zweite, bessere Strategie, war unweit der Küste im flachen Wasser den Starkwind für Speed zu nutzen. Unweit der Küste heisst ca. 500m vom Strand. So heizten wir am darauffolgenden Tag im 1. Reff bei ablandigem Wind ohne Welle mit 12kn Speed entlang dem Strand nach Cap d’Agde. Da war der Trimaran ganz in seinem Element; würde ich wieder so machen. Das Grosssegel bot zwei Reffmöglichkeiten, wobei beim 2. Reff nur noch etwa die Hälfte des Segels gesetzt war. Zusammen mit der kleinen Selbstwendefock könnte man damit wohl auch eine 8 segeln. Kentern kann der Trimaran nicht. Bevor sich ein 8,5m breites Schiff auf die Seite legt, geht vorher der Mast über Bord .

Ausbildungstörn auf einem Trimaran?

Es stellt sich die Frage inwiefern eines solch spezielles Boot als Ausbildungsschiff für angehende Segler geeignet ist. Einige Punkte sind auf der Neel 45 tatsächlich schwierig zu üben. Ein Traveller fürs Gross oder Holepunkte für die Genua fehlen, so sind die Trimmöglichkeiten der Segel begrenzt. Zudem sollte man den Kahn im Normalfall nur seitwärts parkieren, d.h. das im Mittelmeerraum verbreitete Anlegemanöver mit dem Heck zum Steg und Mooringleine kann nicht trainiert werden.

Für mich überwiegen jedoch die Pluspunkte und ich find’s für Ausbildungstörns ein cooles Schiff. Die Neel 45 bietet hohen Komfort, gemütliche Kabinen und einen Salon mit phänomenaler 180°-Panorama-Sicht nach vorne. Dank der grossen Breite liegt sie stabil auf dem Wasser. Personen, die affin auf Seekrankheit sind, können mit Sicht auf den Horizont im Salon geschützt und bequem sitzend mit der Karte arbeiten.

terrestrische Navigation in der Praxis

Der Speed ist nicht nur ein Spassfaktor (wobei man diesen bei erwachsenen Jungs nicht unterschätzen darf). Auch die Navigation ist bei mehr Tempo interessanter, da sich die Landmarken rasch ändern. Bei wenig Wind, wenn andere Yachten vor sich hin dümpeln oder mit Dieselwind fahren, ist man mit dem Trimaran unter Segel sofort auf 6-7kn. Sollte einem der Wind mal ganz im Stich lassen, macht das Schiff dank seines geringen Gewichts auch unter Motor mit 2200 Touren über 8kn. Das heisst, man kommt bei normalen Betriebszeiten in 6 Tagen locker auf 300 – 350sm.

Wir laufen aus dem Hafen von Ciotat aus. Neuer Tag, neue Übungsmöglichkeiten.

Daneben bleibt genug Zeit, dass jeder ein MOB fahren und mit dem grossen Teil im Hafen manövrieren kann. Man kann zwar nur schwer rückwärts anlegen, aber dafür umso besser seitwärts. Dieses Manöver haben wir bei auflandigem und ablandigem Wind geübt und auch das Eindampfen in die Spring war einem nach einer Woche ins Blut übergegangen. Sicherheitsfragen, das Handling des Grosssegels, Rudergehen, Navigation bei Nacht, Routenplanung, Ankermanöver etc. kann alles auf diesem Schiff genauso geübt werden, wie auf jedem anderen.

volle Konzentration beim Rudergehen

… und, der Trimaran ist ein Eye-catcher. Hand aufs Herz, wer hat es nicht gern, wenn Passanten an der Hafenmole stehen bleiben, das Handy zücken und „dein“ Boot fotografieren.

Aprilwetter im Mittelmeer

Frühling in Südfrankreich kann wettermässig alles heissen. Man kann T-Shirt-Wetter erwischen oder aber eine Nordlage mit Temperaturen im einstelligen Bereich.  Wir hatten beides. In der ersten Nacht fegte eine Gewitterfront mit Hagel über uns hinweg, was sich auf der grossen Kunststofffläche des Bootes zu einer imposanten Geräuschkulisse entwickelte.

gegen schlechtes Wetter hilft entsprechende Kleidung und gute Stimmung

Auch war es kalt, vor allem für die zwei Jungs, die im Aussenrumpf schliefen. Am zweiten Tag kaufte ich deshalb in Marseille zwei kleine Elektro-Heizlüfter, die wir immer laufen liessen, wenn wir in den Häfen Landstrom hatten. Dies verhalf zu einem angenehmen Klima im Boot. Gebadet haben bei Wassertemperaturen von 14 Grad nur die ganz Mutigen und das vermutlich wegen Einhaltung irgendwelcher persönlicher Prinzipien.

Delfine, Mondfisch und ein blinder Passagier

Delfine haben wir bisher auf fast jedem Törn gesehen und doch ist’s immer wieder schön, diese eleganten Schwimmern aus nächster Nähe zu beobachten.

Als dann plötzlich eine Rückenflosse sichtbar wurde, die sich nicht zu bewegen schien, haben wir kurzerhand einen Kreis gefahren, und das Tier genauer unter die Go-Pro-Lupe genommen: Es war ein schlafender Mondfisch.

Der zuerst totgeglaubte Fisch wurde plötzlich munter und tauchte ab. Sorry für die Störung, Mondfisch, wir gehen ja gleich wieder! Es bleibt die Frage: Warum pennen Mondfische an der Wasseroberfläche, wo sie doch leichte Beute für jedwelche Feinde sind? Die internette Antwort hat man schnell: Sie haben keine Feinde. Mondfische haben eine 7cm dicke Haut, bestehen sonst fast nur aus Knochen, das bisschen Fleisch ist ungeniessbar und kann zudem giftig sein. Kein Wunder lässt sie jeder in Ruhe, auch die Menschen. Offenbar führt eine dicke Haut kombiniert mit Giftigkeit zu einem friedlichen Leben, muss ich mir merken!

Am letzten Tag flog ein kleiner Vogel aufs Deck und reiste etwa eine Stunde lang mit. Er flog auch nicht davon, als wir ihn aus nächster Nähe fotografierten. Möglicherweise war er erschöpft und froh, festen Boden gefunden zu haben um sich auszuruhen. Das haben wir ihm gerne gegönnt.

Das Nützliche mit dem Schönen verbinden

Auch wenn der Schwerpunkt in der zweiten Woche klar auf der Segelausbildung lag, so konnten wir dennoch etwas Ferienfeeling erleben. Ein Höhepunkt war in der zweiten Woche das Ankern in einer schönen Bucht auf der Ile de Porquerolles bei Hyère. Nach dem Landgang genossen wir die wärmenden Sonnenstrahlen auf Deck.

Nord-Bucht im W der Ile de Porquerolles. In der Vorsaison hat es reichlich Platz.

Der Anker liegt 2 Bootslängen vor dem Bug auf Sandgrund. Danke, Ivan, für die tollen Drohnenbilder!

Die Crew geniesst die Abendsonne mit einem Drink in der Hand. So muss es sein.

Der Törn wurde von den Teilnehmern mit Bestnoten bewertet. Auch für mich als Skipper waren es wunderschöne und lehrreiche zwei Wochen. Trimarantörns wird hochamwind wieder machen, und wer weiss, vielleicht sogar mal mit dem grossen Bruder der Neel 45…